
|
© Tagesanzeiger; 2002-10-26
Von Barbara Zürcher
Wenn Bilder Geschichte machen
Der umfangreiche Bilderschatz der Basler Mission - rund 28 000 historische Fotografien - ist
nun kostenlos und in einzigartiger Bildqualität für jedermann im Internet zugänglich.
Ein kalter Wintertag im Jahr 1970. Ein Gärtner stosst im Basler Missionshaus zufällig auf einen Haufen verstaubter
Alben und Briefumschläge mit alten Fotografien, die achtlos in einem Wandschrank deponiert wurden. Einen bedeutend
grösseren Teil entdeckt eine Missionssekretärin Jahre später auf dem Dachboden des Missionshauses. So beginnt die
Geschichte eines vergessenen Bilderschatzes.
Die Basler Mission, heute einer der fünf Trägervereine von mission 21, besitzt diese einmalige Sammlung von 50 000 Fotografien,
datiert zwischen 1860 und 194ä. Etwa ein Drittel davon stammen aus der Zeit vor 1914. Die Bilder wurden vorwiegend
in den damaligen Tätigkeitsgebieten der Mission aufgenommen: Ghana und Togo, Kamerun, Südindien, Borneo und Südchina.
Der zunehmenden Bedeutung von Bilddokumenten für die historische und ethnologische Forschung, dem internationalen Interesse
am Archiv der Basler Mission stand die beschwerliche und reduzierte Zugänglichkeit der Bildersammiung im Weg. Die fragilen
Originale waren konservatorisch in hohem Masse gefährdet. 1988 erarbeiteten daher die Ethnologin Barbara Frey Näf und der
Archivar Paul Jenkins germeinsam ein Konzept, das sowohl die Sicherung als auch die Erschliessung der wichtigsten Bildbestande
gewährleisten sollte.
Ein intelligentes Webkonzept
Gut die Hä1fte der Fotografien wurden mikroverfilmt, inventarisiert und in minutiöser Arbeit beschrieben.
Dass die Sammlung nun global und frei verfügbar ist, verdanken wir einmal mehr dem Engagement der
Christoph-Merian-Stiftung. Sie unterstützte das ambitiöse Projekt mit fast einer halben Million Franken.
Seit ein paar Wochen hat nun mission 21 die Fotografien für die Offentlichkeit im Internet aufgeschaltet.
Das intelligente Webkonzept des Basler HyperStudios ist bestechend schlicht und kommt ohne Flashs und
verwirrende Animationen aus. "Die erste Priorität war für mich ein einfacher Zugang, dass die Fotografien
problemlos von allen möglichen Geräten, auch ä1teren Computern, heruntergeladen werden können", betont
die Artdirektorin Catherine Lutz-Walthard. Die Website wirkt wohItuend ruhig und übersichtlich. Die
formal reduzierte Grafik und Farbpalette garantieren optimale Verständlichkeit und Lesbarkeit. Haben
die Benutzer einmal die allgemeinen Nutzungsregeln akzeptiert und per Mausklickbestätigt, können sie mit
ihrer Bildersuche nach verschiedenen Kategorien und Themen beginnen. Die Datenbank auf www.bmpix.org
enthält neben den hervorragend aufgelösten Fotografien auch detaillierte Beschreibungen einzelner
Fotografien. Dafür wurden so genannte Visual Interpreters beigezogen, ein Historiker aus Ghana und
ein Architekt aus Indien. Die essayistischen Beiträge vermitteln aufschlussreich, wie historische
Bildquellen gelesen und interpretiert werden können.
Angehende Missionare, ihre Lehrer und die Leitung der Basler Mission wurden allesamt porträtiert;
die erste Fotografie eines angehenden Missionars datiert von 1850. Wer hat these Pioniere fotografiert,
und wer hat sie gelehrt zu fotografieren? Wir wissen nur, dass es damals das Fotostudio Magnat Frères
in Basel gab, das für die Basler Mission tätig war und auf einer Liste der identifizierten Fotostudios
aufgeführt ist. "Wir hoffen aber auf eine breite Medien Wechselwirkung zwischen Basel und der Website,
um an weitere Informationen und zu neuen Erkenntnissen zu gelange", erklärt Paul Jenkins.
Die Fotografin Anna Wuhrmann
Unter dem Stichwort "Fotografen" findet die Benutzerin ein paar wenige Frauen aufgeführt:
Als virtuose Fotografin entpuppt sich Anna Wuhrmann, Missionslehrerin. Auf der Website sind 284
hochprofessionelle, ästhetisch anspruchsvolle Bilder von ihr aufgeschaltet: vorwiegend Porträts
aus Kamerun, entstanden zwischen 1911 und 1915, eine wahre Fundgrube. Wuhrmanns persönlichen Kommentare
zu ihren Fotografien geben Einblick in vergangene Zeiten des Missionsalltags. Sie klingen - trotz
ihremliebevollen und vor allem respektvollen fotografischen Blick - für unsere heutigen Ohren etwas
befremdend. So schreibt sie zur Abbildung Spinnerin mit europäischem Spinnrad, um 1912: "In der
landwirtschaftlichen Versuchsstation lebte ein deutscher Beamter, der das Herz auf dem rechten
Fleck hatte und die Eingeborenen wie gleichwertige Menschen behandelte. Er interessierte sich
lebhaft für alles, was der Neger aus eigener Initiative fertig brachte, und freute sich über
alles, was dem Schwarzen gelang. Ein europaisches Spinnrad ist auch sein Geschenk."
Gemeinnutzen statt Eigentum: In den USA liegen Bestrebungen vor, den Urheberrechtsschutz
von 75 auf 95 Jahre zu verlängern. Die Folgen sind für die Entwicklungsländer und
ihren Zugriff auf Dokumente, die ihre Geschichte betreffen, verheerend. Deshalb ist
der kostenlose Zugriff auf das Bildarchiv von mission 21 revolutionär, visionär und
vor allem fair. Das Internet sollte ein kostengünstiger Ersatz für fehlende Bibliotheken
und Archive sein. Das Stöbern auf www.bmpix.org ist ein Vergnügen, stundenlang kann man
sich in wunderbaren Bildwelten herumtreiben und sich gar verlieren. Dieses Fotoarchiv
ist ein einmaliges Kulturgut, das unendlich viele ästhetisch, historisch, kultur-,
sozial-, und religionsgeschichtlich relevante Informationen vereinigt.
|